Rätsel: Außen gruselig, innen wunderschön.
Grüße an Liebhaber ungewöhnlicher irdischer Natur, heute werden wir an die felsigen Küsten entführt, dorthin, wo die Wellen die Felsen mit Lärm überdecken, sich dann zurückziehen und nasse Spuren hinterlassen. Dort lauerte unser Held – bescheiden im Aussehen, aber mit einer so strahlenden Innenwelt, dass jeder heilige Einsiedler neidisch werden würde.
Auf den ersten Blick scheint es ein gewöhnliches Gewächs zu sein: eine abgeflachte Schale, die an einem Stein klebt. Aber wenn man es anhebt und hineinschaut, sieht man den Schimmer von Perlmutt – grün, blau, rosa. Ehrlich gesagt würde ich selbst auf diese ,,Box" blicken, selbst wenn darin nur eine Schnecke wäre.
Das ist die Abalone (Haliotis). Der russische Name ist kein Zufall: Die Muschel ähnelt wirklich einem kleinen Ohr, das an einem Stein befestigt ist. Und das hat seine eigene poetische Logik: Das Weichtier scheint dem Flüstern der Brandung zu lauschen.
Abalone lebt in verschiedenen Meeren – vom Mittelmeer bis zu den kalten Gewässern Neuseelands und Kaliforniens. Es wählt felsige Küsten, wo das Leben an der Grenze zweier Elemente stattfindet: mal unter Wasser, mal in der Luft. Diese Lebensweise wäre für den Helden eines philosophischen Romans über die ewige Wahl und den Dualismus der Existenz geeignet.
Von außen wirkt seine Hülle rau, aber sobald man hineinschaut, beginnt ein Fest der Farben. Der Schimmer von Grün, Blau und Rosa scheint zu beweisen, dass selbst die bescheidenste Schnecke ein Outfit besser tragen kann als bei einer High-Fashion-Show.
Bemerkenswert ist, dass Abalone-Perlmutt seit Jahrhunderten von verschiedenen Kulturen geschätzt wird. Die Maori verwendeten es, um die Augen geschnitzter Holzfiguren einzuarbeiten, damit diese strahlend zum Leben erwachten. In Europa dekorierten sie Messer, Möbel und Kisten. Und die Molluske selbst wusste nicht einmal davon – sie saß weiterhin friedlich auf dem Stein.
Auch Abalone-Fleisch ist in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt: In Japan wird es als Gourmet-Steak serviert, in China als Symbol für Reichtum. Es ist nicht einfach, es zu bekommen: Die Molluske klammert sich so hartnäckig an den Stein, dass man ihn ohne Messer nicht abreißen kann. Und das hat etwas Ironisches: Um die Delikatesse zu probieren, muss man zunächst die störrische Schnecke in einem kleinen Kampf besiegen.
Eine weitere Besonderheit des Porträts: Abalone reagiert empfindlich auf den Zustand des Ozeans. Wasserverschmutzung und Wilderei führen zu einem raschen Aussterben der Populationen. Daher wird es in vielen Ländern auf speziellen Farmen gezüchtet. Von einem wilden Schatz wurde es zu einem Objekt der Aquakultur und wiederholte damit das Schicksal vieler ,,Naturwunder", die der Mensch zähmen wollte.
Und doch, wenn man eine Abalone-Muschel in den Händen hält, versteht man: Dieses Weichtier hat es geschafft, ein Stück Ewigkeit in sich einzufangen. Sein Perlmutt weist Wellen auf und sein bloßes Aussehen ist eine seltsame Erinnerung daran, dass selbst die bescheidenste Schnecke in der Lage ist, den Luxus des Ozeans zu bewahren.